Die Macht über den eigenen Tempel

Aktualisiert: 8. Jan 2019

Beitrag im NUN-Magazin für Konstanz und Kreuzlingen, Ausgabe 2

[Auszug]



Narben.

Jede ist einzigartig. Sie prägen unsere Körper.

Verleihen ihm Charakter.

Nur Verletzungen mit einer gewissen Tiefe lassen sie zurück.

Für die einen sind sie ein Makel.

Für andere Spuren des Erlebten.

Denn Narben erzählen immer

eine Geschichte.



Manche Narben betrachtet man gerne. Erinnern an den letzten Surftrip. Wenn man sie im Spiegel sieht, schmeckt man wieder das Salz auf den Lippen, spürt die warme Sonne auf der Haut und den körnigen Sand zwischen Zehen. Ist zwar dumm gelaufen, war aber ein großartiger Urlaub. Dann gibt es Narben, die stehen für ein Schicksal. Für einen Kampf, den man gewonnen hat oder für eine Zeit, an die man sich lieber nicht erinnert, die einen aber zu dem gemacht hat, der man heute ist.


Dorschs Narben sind eine bewusste Entscheidung. In breiten Linien bedecken sie ihr Gesicht auf beiden Seiten, über die Wangen hoch zu den Schläfen bis unter den Haaransatz. Wie weit tatsächlich, verbergen die dunklen, zu Dreads gedrehten Haare. Mal mehr, mal weniger verlaufen sie parallel zueinander, kreuzen sich und spiegeln die Formen ihrer Tätowierungen, die ihren Körper bis zum Hals hinauf bedecken. Ihre flächigen Tattoos bis zu den Fingerspitzen lassen Dorsch dabei angezogen wirken, obwohl sie ärmellos vor einem sitzt.


Was bewegt einen Menschen dazu, sich das Gesicht aufschneiden zu lassen? „Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt und wie Menschen – meine Freunde, meine Eltern – auf die Narben reagieren“, beantwortet Dorsch schlicht die Frage nach dem Warum. Es ging ihr um dieses Kitzeln. Dieses Kitzeln, wenn man sich fragt, was passieren wird, wenn man etwas wirklich wagt. Gleichzeitig geht es aber auch darum: „Wie reagiere ich eigentlich auf die Reaktion der Menschen?“ Viele waren geschockt. „Der Rest fand es nicht unbedingt positiv, eher spannend oder es war ihnen egal.“ Nicht weniger war es ein Schnittpunkt (wortwörtlich)in Dorschs Leben.


Als ihre bisher extremste Körpermodifikation – Bodymodification –, lösten die Narben in ihr etwas aus. Egal an welcher Stelle des Körpers man sie hat, Piercings und Tattoos vergisst man irgendwann (die Autorin kann das bestätigen). „Ich vergesse das auch. Ich vergesse immer, dass ich so aussehe. Aber ich vergesse nicht – und ich habe sie schon seit fast zwei Jahren – dass ich diese Narben habe.“ Zum einen liegt das daran, dass sie sich bei Wetterumschwüngen bemerkbar machen und die Haut dann zu spannen und jucken beginnt. Aber zum anderen können die Menschen einfach nicht

wegschauen. „Man wächst daran, denn man muss mit den Reaktionen zurecht kommen können. Ich glaube, ich gehe dadurch jetzt auch anders auf Menschen zu, womöglich offener.“


Man sagt ja immer, dass es nicht allein um das Aussehen geht. „Aber spätestens mit solchen Narben im Gesicht, merkt man, wer es mit den inneren Werten wirklich ernst meint.“ Gelingt es den Menschen, sich von Äußerlichkeiten und Attributen wie „entstellt“ zu lösen, hat Dorsch schon spannende Begegnungen erlebt, allein durch die Narben in ihrem Gesicht. Einmal fasste ihr während einer Fahrt im Zug unvermittelt eine fremde Frau ins Gesicht. Sie wollte die Narben durch das Anfassen verstehen. „Ich fand das total schön, ohne jegliche Negativität und überhaupt nicht feindselig. Das passiert mir nicht oft, dass Menschen mir ohne Vorurteile begegnen. Darum

ist es umso schöner, dass es manche können.“


Fotos von Regula Kreis: regulakreis.ch <3

Den Raum (#OrangeX) für das Shooting stellte freundlicherweise (DANKE!) die Neuwerk eG zur Verfügung: www.neuwerk.org


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